Das Chaos vor jeder türkischen Hochzeit

Hochzeitsvorbereitungen Teil I: Söz (Das Versprechen)

Dieser Beitrag ist für Leute, die diesen Stress aus eigener Erfahrung kennen oder aber für diejenigen, die daraus etwas mitnehmen können und gewisse Dinge vermeiden wollen. Oder aber auch einfach für die, die was über die türkischen Sitten wissen möchten.

Kurz zum Verständnis: Meine Eltern kommen aus der Türkei. Ich bin hier aufgewachsen und habe hier mein Abitur abgeschlossen. Habe mit meinem Studium begonnen und mittendrin mit meinem damaligen Freund und jetzigen Ehemann beschlossen zu heiraten. Mittlerweile habe ich einen einjährigen Sohn und versuche beides mit meinem Studium unter einen Hut zu bringen. Klischee? Wahrscheinlich etwas. Aber das Leben spielt sein eigenes Spiel.

Jedenfalls… In unserer Kultur ist es der Wahnsinn. Die Hochzeit! Oh mein Gott… Leute, je größer, je mehr mit Kultur beladen, um so besser. Was für ein Trubel. Und ein Wort wird groß geschrieben: ADET. Der Brauch. Die Sitte.

In der Deutschen Kultur, wenn es ums Heiraten geht, ist eins richtig toll: max. 100 Personen, bombastisches Essen und das Brautpaar entscheidet Wer kommt, Wo gefeiert wird, Wie gefeiert wird, etc… Das haben wir Türken zu 90% der Fälle NICHT. Ach ja, noch was, bitte seht dieses Beitrag mit Humor. Es ist keine Kritik, sondern soll auf eine lockere Art euch unsere Kultur Nahe bringen. Also…

Der Brauch

Bevor wir bei der Hochzeit ankommen ist es ein weiter Weg. Wir fangen beim Söz (Das Versprechen) gehen über zum Kina (Hennaabend) und kommen dann zur Hochzeit. Nisan (Die Verlobung) lasse ich aus, weil ich finde, dass es wie die Hochzeit nur in etwas kleiner ist.

Zum größten Teil ist es so, dass nur die Mutter des Mädchens weiß, dass sie eine Beziehung führt. Irgendwann kommt dann der Moment in der dann gesagt wird, dass die Familie des Jungens kommen möchte, damit man sich kennenlernt. Nach dem ersten kennenlernen, folgt vielleicht noch ein zweites Treffen und dann kommt man, um um die Hand des Mädchens anzuhalten. Adet. Da ist dieses Wort wieder. Und es wird immer öfter auftauchen. Wahnsinn oder? Unvorstellbar für jede deutsche Familie, dass man sich nur so kurz bei den Familien vorstellt und dann schon an Heiraten denkt. Bei mir war es genau so, aber ich mag unsere Bräuche und Sitten auch. Bis zu einem bestimmten Grad, muss ich betonen, aber ich wollte es so.

Der Ablauf

Wer kommt alles zum Söz? Natürlich so viele wie möglich. Am besten die ganze Sippschaft. Wenn nicht, könnte noch jemand beleidigt sein. Meine Eltern haben eine drei Zimmer Wohnung mit 80qm und an diesem Tag saßen 35 Personen in einem 17qm kleinem Wohnzimmer. Wenn ich daran denke, muss ich jetzt noch darüber lachen.

Die Familie des Jungen kommt mit Blumen, einer Torte, Schokolade, Baklava und Ringen. Adet. Man sitzt zusammen und alle unterhalten sich und das Mädchen hält sich eigentlich eher im Hintergrund. Adet. Irgendwann kommt der Punkt, an dem die ältesten und weisesten Männer beider Familie für die Verliebten reden. Es wird immer mit einem bestimmten Satz um die Hand angehalten und bei der Einwilligung auch mit demselben Satz geantwortet. „Allahin emri ile, Peygamberin kavliyle kizinizi oglumuza istiyoruz“ Auf Deutsch wäre das ungefähr das hier: „Im Auftrag Gottes und mit der Einwilligung des Propheten bitten wir im Namen unseres Sohnes um die Hand eurer Tochter an“. Auch Adet. Ob gläubig oder ungläubig. Ob Sunite oder Alevite. Es ist Kultur. Dieser Satz wird immer gesagt, der gehört dazu. Das ist wie die Schokostückchen in einem Schokoladenkuchen, oder aber das Fleisch in einer Sauce Bolognese. Das gehört dazu und gibt dem ganzen einfach einen besonderen Flair. Übertrieben gesagt: Ohne diesen Satz, ist diese Zeremonie nicht vollständig. Einige Familien, lehnen beim ersten Mal ab, jedenfalls war es früher so Brauch. Damit wurde vermittelt, dass man seine Tochter erstens nur ungern verheiratet, weil man sie so sehr liebt und zweitens dass man sie nicht jedem x-beliebigen überlässt.

Okay, zurück zu der Situation. Wie gesagt, 35 Personen auf 17qm. Einige sitzen auf dem Sofa, die anderen auf Stühlen und die mit der A-Karte dürfen stehen. Alle sind aufgeregt und nervös. Jeder hat sich schön gemacht, war beim Friseur oder hat sich besonders geschminkt. Jetzt sagt der Vater der zukünftigen Braut zu und „erlaubt“, dass das Pärchen heiraten darf. Natürlich bedeutet es nicht, dass der Vater das wirklich alleine entschieden haben muss. Es ist ein Ritual. Jeder freut sich. Ich weiß nicht mehr, ob man in dieser Situation klatscht. Stellt es euch mega emotional vor. Überall strahlende Gesichter, irgendwo fällt Gelächter und auch Glückstränen kullern. Das Paar küsst die Hände der Älteren. Eigentlich küssen sich alle gegenseitig. So wird es besiegelt. Je mehr Küsse, desto besser.

Der türkische Kaffee

Parallel zu all den Geschehnissen läuft in der Küche auch vieles ab. Das Mädchen und einige andere Frauen, bereiten das Essen, den Tee, den berühmten türkischen Kaffee und auch den Nachtisch vor. Warum berühmt? Denn der zukünftige Bräutigam bekommt gesalzenen Kaffee von seiner Geliebten zubereitet, den er natürlich auch trinken muss. Da kommt schon das nächste Warum. Warum salzt man einen Kaffee? Und dann auch noch den, der Person, die man liebt. Im Prinzip macht man das nur, damit man sieht, wie sehr der Mann einen liebt, den man heiratet. Im Prinzip beweist er, dass er dem Wunsch seiner Frau nicht widerspricht und auch den widerlichsten Kaffee nur für sie trinken würde und trinkt.

Ja, meine Lieben, so ist das mit unseren Bräuchen. Es ist der Knaller, was alles auf einen zu kommt. Aber in den folgenden Beiträgen werdet ihr noch merken, dass diese Bräuche auch verhängnisvoll für die Pärchen sein können. Alle mischen sich ein und jeder meint es besser zu wissen. Jeder einzelne will seinen Willen durchsetzen und ich rede hier nicht vom Pärchen, sondern von Geschwistern, Eltern, Großeltern und sogar Nachbarn und Freunden. Jede Variante kann auftreten und ist möglich. Jeder meint es auf seine Weise gut, aber fast jeder ignoriert das Paar. Das Pärchen geht unter und verliert sich in dem ganzen Chaos. Aber mehr dazu demnächst…

Küsschen :*

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